Der Papa der Studierenden

Einblicke in den Alltag von Faouzi Zakraoui: Was ihm in der Jungiusstraße und abseits davon wichtig ist und wie es sich angefühlt hat, zu Beginn der Pandemie einen leeren Campus zu hüten


„Hallo? Hallo lebst du?“ „Oh. Ja! Guten Morgen.“ „Willst du Kaffee?“ „Das wäre toll.“ „Mit Zucker? Milch?“ Faouzi Zakraoui, den alle nur beim Vornamen nennen, lacht, als er die Ge­schichte über seine mor­gend­liche Begegnung mit einem Studenten der Law School erzählt. Dieser hatte am Abend vorher nach einer Party den Weg nicht mehr nach Hause gefunden und sich deshalb in der unteren Studentenlounge in der Hoch­schule zum Schlafen hin­gelegt. Dort hatte Faouzi ihn entdeckt und den gewünschten Kaffee gebracht. Er sei halt der Papa der Studierenden und küm­mere sich gerne um alle, sagt Faouzi, nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme.

Faouzi sorgt für Campus-Frühling 

Zu dem Zeitpunkt, als er den Studenten weckt, war Faouzis Tag schon voll im Gange. An einem typischen Tag steht er um halb vier Uhr auf, um fünf Uhr beginnt dann seine Schicht an der Law School im Team des Facility Managements. Er kommt stets zuerst in sein Büro in Raum U.07 gegenüber vom Musikraum und schaut in seinem Computer nach neuen Schadensmeldungen oder sonstigen Anfragen. Dann dreht er im gesamten Gebäude seine Runde, kontrolliert erst in den Seminarräume die Stühle, Tische, Uhren. Wenn die Tafeln nicht gereinigt wurden, macht er auch das. Gegen halb acht schließt er dann die Türen der Hochschule auf. Während sich der Campus langsam füllt, geht er raus und erledigt, was immer gerade anfällt: Unkraut jäten, Gullys säubern, Rasen sähen, Laub harken oder Schnee schippen. Für die meisten Hochschulmitglieder beginnt der Frühling erst dann, wenn Faouzi die Strahlenstühle wieder auf den Campus stellt. Um vierzehn Uhr endet ein normaler Arbeitstag.



2009 betrat Faouzi das erste Mal unseren Campus, damals noch als Angestellter einer externen Reinigungsfirma. Einer der damaligen Hausmeister wurde auf ihn aufmerksam und fragte ihn, ob er zusätzlich ein paar Stunden beim Laubsammeln helfen könnte. Ab 2013 arbeitete er dann nach Absprache mit Hariolf Wenzler nur noch für die Law School. Er ist sichtlich stolz auf seine Arbeit und die Wertschätzung, die ihm auf dem Campus entgegengebracht wird. Vor allem der Austausch mit den Studierenden macht ihm Spaß. 

 

Die fehlenden Studierenden waren auch das, was ihn an der zeitweiligen Schließung des Campus ab März aufgrund der Corona-Pandemie am meisten gestört habe. Das einzig Gute sei gewesen, dass er es in der Zeit endlich schaffen konnte, das lädierte Rasenstück zwischen Bibliothek und Planten-un-Blomen-Eingang wiederherzustellen. Das sei mittlerweile aber schon wieder zertrampelt, sagt er und zuckt lachend mit den Schultern. Man glaubt ihm, dass es ihm meistens wenig ausmacht, gegen die Abneigung der Studierenden, auf den gepflasterten Weg zu gehen, anzukämpfen. Genauso sind nach der Champions Trophy im Frühjahr meist große Teile der Rasenfläche auf dem Campus hinüber, aber Faouzi ist trotzdem großer Fan. Mit Begeisterung erzählt er von seiner Sammlung an CT-Shirts, welche jedes Jahr wächst. Überhaupt weiß jede und jeder, der und die schon eine Veranstaltung an der Hochschule organisiert hat, dass Faouzi eine gute Anlaufstelle für sämtliche Sorgen oder Anfragen rund um den Campus ist. Er erzählt uns auch, dass er schon ab und zu Parkplätze in dringenden Angelegenheiten für Studierende gesichert und sogar mal für einen Umzug eine Sackkarre ausgeliehen hat. Die Dankbarkeit für seine Hilfsbereitschaft und die gute persönliche Beziehung zu den Studierenden wird immer wieder sichtbar: An seinem 60. Geburtstag im letzten Jahr versammelten sich neben der Hochschulleitung auch eine Vielzahl an Studierenden, um Faouzi ein Geburtstagsständchen zu singen.



Familienmensch mit Raute im Herz 

Neben der Arbeit und einer großen Liebe für den HSV ist seine Familie sein Lebensmittelpunkt. Faouzi wuchs in den sechziger Jahren in Tunesien auf. Er hat sieben Geschwister und zwei Halbgeschwister, von denen die meisten noch in seiner alten Heimat leben und zu denen er ein enges Verhältnis hat. Um mit diesen in Kontakt zu bleiben, ist er auch bei Facebook sehr aktiv. Darauf angesprochen, warum er so viele verschiedene Profile hat, lacht er und gesteht, öfters das Passwort zu vergessen und dann einfach ein neues Profil zu erstellen. 1980, nach dem Ende seiner verpflichtenden Zeit beim Militär, kam Faouzi mit knapp 20 Jahren nach Deutschland. Einer seiner älteren Brüder lebte zu der Zeit in Hamburg und nahm ihn bei sich auf. Faouzi brachte sich die Sprache bei, arbeitete in verschiedenen Jobs und erhielt die doppelte Staatsbürgerschaft. 1993 lernte er hier seine heutige Frau kennen und heiratete sie wenig später in ihrer Heimat Istanbul. In Deutschland zog er mit ihr ihre beiden Töchter groß, die heute ganz selbstverständlich die seinen sind und auf deren berufliche Erfolge er besonders stolz ist. Mittlerweile hat er auch drei Enkelkinder – zwei Mädchen und einen Jungen – und seine Augen strahlen, als er von ihnen erzählt. Faouzi und seine Familie sind Muslime, aber ihm ist wichtig zu betonen, dass sie einen modernen Islam leben: Keine seiner Töchter trage ein Kopftuch und als er kurz auf die Regierung der Muslimbruderschaft in seiner Heimat zu sprechen kommt, wird er bedrückt. 



 

Zwei Tage unterwegs zum zweiten Zuhause 

In normalen Jahren, wenn keine Pandemie sämtliche internationalen Reisen verhindert, verbringt Faouzi jeden Sommer einige Zeit in seiner tunesischen Heimat. Er fährt mit dem Auto insgesamt 1300 km von Hamburg über Basel nach Genua, von wo aus er die Fähre nimmt. Wenn er Freitag losfahre, dann sei er Sonntagnachmittag in seinem zweiten Zuhause in der Hauptstadt Tunis. Meistens bleibt er vier Wochen und besucht seine Familie, genießt das gute Wetter und kümmert sich um sein Haus. Insbesondere sein Garten samt Mandarinen-, Feigen- und Zitronenbäumen liegt ihm dort am Herzen. Das ist im Übrigen auch der Plan für die Zeit nach seinem Berufsleben: Am 25. Mai 2025 wird er in Rente gehen und will dann zusammen mit seiner Frau das Jahr zwischen Tunesien, der Türkei und Deutschland aufteilen. 

 

Ganz so weit ist es ja aber Gott sei Dank noch nicht. Das wird uns klar, als auf einmal Faouzis Handy klingelt. Er schaut kurz drauf und sieht uns entschuldigend an: „So, ich muss los. Habe versprochen zu helfen.“ Selbst im verrückten Corona-Jahr ist also auf eines Verlass: Wer Unterstützung an unserer Hochschule braucht, wird sie bei Faouzi erhalten!

Antonia Pfaff (Jg. 2014)

Constantin Glaesner (Jg. 2012)