· 

Empathie ist entscheidend

Die aktuelle Lehrpreisträgerin Lisa Guntermann über Vorbilder in der Jurawelt


Lisa Guntermann (rechts) mit Vereinspräsidentin Magdalena Göbel


Da ich in meinem Umfeld niemanden kannte, der vor mir Jura studiert hat, bin ich ohne echtes Vorbild in das Studium gestartet. Mich hat zu Beginn eher die Atmosphäre an der Universität in einer neuen Stadt begeistert. Ob im Hörsaal, auf den Gängen oder in der Bibliothek – alle schienen neugierig und voller Tatendrang zu sein, wovon ich mich im positivsten Sinne habe inspirieren lassen.

 

Die ersten Personen aus der „Jurawelt“, zu denen ich aufgeschaut habe, waren weniger die Professor:innen, deren teils recht abstrakten Monologen in den Vorlesungen ich anfangs kaum etwas abgewinnen konnte, sondern eher die Leiter:innen der Arbeitsgemeinschaften (= Kleingruppen) in den ersten Semestern. Insbesondere der Leiter meiner Zivilrechts-AG im ersten Semester hat durch seinen klugen, stringenten und anschaulichen Lerhstil schnell das „Feuer“ für das Zivilrecht in mir entfacht. Er hat es verstanden, uns mit der nötigen Strenge (Stichwort Coldcalling), sehr viel Witz und einer Engelsgeduld an das juristische Denken heranzuführen. Ohne ihn hätte es bei mir sicher nicht so schnell „Klick“ gemacht.

 

Im dritten Semester habe ich dann am Lehrstuhl meines späteren Doktorvaters als studentische Hilfskraft angefangen. Dort hatte ich das Glück, über die Jahre mit einer Vielzahl von Kolleg:innen zusammenarbeiten zu dürfen, von denen ich mir immer etwas abschauen konnte – sei es ihre Zielstrebigkeit, ihr Selbstverständnis als Jurist:in, die Freude an der Auseinandersetzung mit Unbekanntem, die Einstellung, die „Jurawelt“ nicht immer ganz so ernst zu nehmen, oder ganz praktische Tipps im Arbeitsalltag, zum Beispiel neue Motivation und Inspiration aus Hip-Hop-Beats im Büro zu ziehen (Grüße an Robert K. an dieser Stelle ;-)).

 

Ermutigung zu Fehlern

 

Daran wird vielleicht schon deutlich, dass die Antwort auf die Frage, was ein gutes Vorbild im Studium ausmacht, stark von der Person abhängt, die ein Vorbild sucht. Leichter zu beantworten ist meines Erachtens, welche Eigenschaft eine gute Lehrperson haben sollte. Neben der Fähigkeit, komplexe Inhalte verständlich und interessant zu vermitteln, ist aus meiner Sicht Empathie ganz entscheidend. Ich muss als Lehrperson verstehen, mit welchem Wissensstand die Studierenden zu mir in die Veranstaltung kommen, wo die fachlichen und gegebenenfalls auch persönlichen Schwierigkeiten liegen und an welchen Stellen ich Verknüpfungen zu bereits Gelerntem herstellen kann.

 

Dabei möchte ich eine Lernumgebung schaffen, in der sich die Studierenden ermutigt fühlen, Fragen zu stellen, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Ich möchte motivieren und dazu inspirieren, über den Tellerrand zu schauen, juristische Konstrukte zu hinterfragen und eigenständig nach Lösungen zu suchen. Idealerweise sollte meine Lehre dazu beitragen, die akademische und persönliche Entwicklung der Studierenden positiv zu beeinflussen und sie auf ihrem Weg zu selbstbewussten, kompetenten und verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu begleiten. Und wenn ich dabei noch ein Vorbild für den ein oder anderen sein kann, ist das das sprichwörtliche „Tüpfelchen auf dem I“.



Kommentar schreiben

Kommentare: 0