Ehemalige erzählen von neuen Arbeitsformen und welche Chancen sich ihnen durch sie bieten
Uli Malcher (Jg. 2001)
Richterin am Landgericht Stuttgart
Teilzeit, Vier-Tage-Woche und gelegentlich Homeoffice
Warst Du im bisher konventionellen Arbeitsmodell unzufrieden?
Mit drei Kindern und einem umfangreichen Ehrenamt (Vorstand eines großen Sportvereins) kann ich nur in Teilzeit erwerbstätig sein. Außerdem arbeite ich mit flexibler Zeiteinteilung, in der Regel an nur vier Tagen und immer wieder im Homeoffice.
Hast Du das Gefühl, dass Dein jetziges Arbeitsmodell Dir eine tatsächliche Erleichterung bezüglich der Arbeitslast verschafft?
Bei so viel Flexibilität ist es tatsächlich schwierig, sozial den Anschluss an die Kollegen zu halten. Die kommen oft erst, wenn ich schon fast fertig bin mit Arbeit, haben also insbesondere kein Interesse an Kaffeepausen. Gemeinsame Mittagspausen passen nicht gut in meinen Alltag.
Welche Vorteile siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell?
Selbstverwirklichung: Ich stecke wirklich sehr viel Zeit in mein Ehrenamt, das mir (mehr) Erfüllung gibt als mein „richtiger Job“. In Summe komme ich ganz locker auf 40 Stunden Arbeitszeit – es sind also nicht meine Kinder, die mich zur Teilzeit „zwingen“. Ich bin froh, dass ich mir das finanziell leisten kann. (Wirtschaftlich) Unabhängig bin ich damit nicht. Alleinerziehend könnte ich mir das weder finanziell noch zeitlich leisten.
Ist ein beruflicher Aufstieg und das klassische „Karriere machen“ auch in Deinem aktuellen Arbeitsmodell möglich?
Im Rahmen der Möglichkeiten von Karriere im Richterdienst ist ein Aufstieg möglich und die Chancen sind weitgehend vergleichbar.
Florian Woitek (ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter)
Referatsleiter beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle
Homeoffice und Mobile Work
Warst Du im bisher unkonventionellen Arbeitsmodell unzufrieden?
Nein, allerdings gibt es Dinge, die kann man im Garten oder im Park mindestens genauso produktiv lösen wie im Büro. Dann allerdings mit den positiven Nebeneffekten von Natur, frischer Luft und anderen Menschen. Wichtiger ist mir das Instrument aber noch für meine Mitarbeitenden: Die Flexibilität, von zuhause aus arbeiten zu können, hilft zumindest ein wenig, verkürzte Kita-Zeiten zu managen und sich mit der Partnerin oder dem Partner abzustimmen.
Gab es bestimmte Ängste, die Dich vor der Entscheidung zu Deinem aktuellen Arbeitsmodell beschäftigt haben?
Ängste wäre falsch. Allerdings – und darum bitte ich auch meine Kolleginnen und Kollegen – bedarf es eines gewissen Bewusstseins: Was kann ich gut zuhause (oder anderswo) erledigen? Gerade kreative, kommunikative und komplexere Prozesse funktionieren „live“ und gemeinsam immer noch besser als virtuell.
Welche Vorteile siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell – über klassische Argumente wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinaus?
Den Begriff der „klassischen Argumente“ finde ich schwierig. Er suggeriert etwas „Gestriges“, bzw. Eingepresstes“. Vielen ist die Familie das Wichtigste – wenn da etwas nicht stimmt, dann muss die Arbeit leiden. Insofern – hard fact – muss erst das eine gelöst werden, um das andere erfüllen zu können Vereinbarkeit ist daher nicht nur eine Phrase, sondern Bedingung. Zur eigentlichen Frage: Ich glaube, dass räumlich flexible Arbeitsmodelle die Mobilität verbessern und man die Zeit, die man sonst wartend in Bahnhöfen verbracht hätte, anders nutzen kann.
Siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell eine dauerhafte Perspektive?
100 % Büropflicht wird nicht zurückkehren. Dazu liegen die Vorteile – für alle Seiten – zu sehr auf der Hand. Allerdings sind Entgrenzung und Kommunikation zwei wesentliche Erfolgsfaktoren: Der vermiedene Pendelweg bringt eben mittelfristig nichts, wenn man doch um 6 Uhr beginnt und um 22 Uhr endet. Das ist für niemanden nachhaltig. Umgekehrt lassen sich bestehende Prozesse und Abläufe auch gut zuhause oder aus dem Ferienhaus erledigen. Kreative Prozesse, Problemlösungen mit einem größeren Team oder einfach nur das Gespräch in der Kaffeeküche sind nicht nur wichtig für Produktivität, sondern auch Kitt für Teams und Institutionen.
Welche Möglichkeiten bietet Dir Dein Arbeitgeber bezüglich verschiedener Arbeitsmodelle?
Grundsätzlich sind alle Modelle möglich – außer Selbständigkeit natürlich! Höhere Flexibilität hinsichtlich des Arbeitsorts (da bremst der Personalrat aufgrund gegebenenfalls nicht ergonomischer Arbeitsbedingungen) und der Zeit, in der die Arbeitsleistung erbracht werden kann, wäre wünschenswert.
Reto Gericke (Jg. 2009)
Geschäftsführer bei assistenz.de
Selbständigkeit und Homeoffice
Warst Du im bisher konventionellen Arbeitsmodell unzufrieden?
Konventionelle Arbeit fand ich nicht optimal, weil man für Zeit und nicht für Arbeit bezahlt wird und viele Einschränkungen gemacht werden, die für das Arbeitsergebnis keine Relevanz haben.
Gab es bestimmte Ängste, die Dich vor der Entscheidung zu Deinem aktuellen Arbeitsmodell beschäftigt haben?
Bei mir kam am ehesten die Frage auf, wie gut ein Unternehmen funktioniert, dessen Geschäftsführer 90 % im Homeoffice ist…
Welche Vorteile siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell?
Selbstbestimmung und effiziente Nutzung meiner Zeit. Dadurch, dass wir auch keine Arbeitszeitvorgaben haben, muss ich viel weniger organisieren.
Siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell eine dauerhafte Perspektive?
Ja, aber ich habe es einfach, weil ich das selbst ändern kann, wenn es mir nicht mehr gefällt. Ich glaube, dass überall (im Büro) mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit kommen wird. Es schadet der Arbeit nicht und ist ein totaler Gewinn für die Menschen. Alle Modelle haben ihre Daseinsberechtigung, viel wichtiger ist die konkrete Umsetzung.
Ist ein beruflicher Aufstieg und das klassische „Karriere machen“ auch in Deinem aktuellen Arbeitsmodell möglich?
Kaum. Ich glaube, wer in klassischen Unternehmen Karriere machen will, muss sich ganz klassisch knechten. Zumindest in den meisten Bereichen.
Wem würdest Du von Deinem aktuellen Arbeitsmodell abraten?
Denjenigen, die gern mit Kollegen quatschen und Arbeit auch als sozialen Teil des Lebens sehen.
Frédéric Schneider (Jg. 2004)
SCHNEIDER Strafverteidigung
Selbständigkeit
Welche beruflichen Stationen haben Dich besonders geprägt?
Als Angestellter bei der auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisierten Kanzlei ROXIN konnte ich mir hier nicht nur abschauen, wie ich später gerne Mitarbeiter würde führen wollen, sondern hatte hier vor allen Dingen die Möglichkeit, den Umgang mit Mandanten zu lernen. Beides sind Aspekte, die man sonst weder in unserer universitären noch in der praktischen Ausbildung lehrt und die mein heutiges Arbeiten sehr prägen.
Welche Vorteile liegen für Dich in der Selbständigkeit?
Flexibilität sowohl im Hinblick auf die Arbeitszeit und den Arbeitsort, aber vor allen Dingen Freiheit und Selbstbestimmung in der Mandatsbearbeitung. Als Vater eines vierzehnjährigen Sohnes und einer acht Monate alten Tochter ist Flexibilität Gold wert und Arbeit in den späten Abend- oder frühen Morgenstunden eher eine Lösung als eine Belastung. Aufpassen muss man bei dieser Arbeitssituation, dass man nicht zum Eigenbrötler wird und den Kontakt zur Kanzlei und den Menschen verliert.
Gab es bestimmte Ängste, die Dich vor der Entscheidung zu Deinem aktuellen Arbeitsmodell beschäftigt haben?
Ganz klar materielle Ängste: die Sorge, nicht genug zu verdienen, um gemeinsam mit meiner Frau unserer Familie ein auskömmliches Leben zu ermöglichen. Darüber hinaus auch die Sorge, letztlich gar nicht mehr selbst als Verteidiger tätig sein zu können, sondern nur noch mit Organisations- und Personalthemen beschäftigt zu sein. Beides hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.
Hast Du das Gefühl, dass Dein jetziges Arbeitsmodell Dir eine tatsächliche Erleichterung bezüglich der Arbeitslast verschafft, oder gibt es versteckte Risiken, derer man sich bewusst sein sollte?
Das Risiko der Selbständigkeit liegt sicher im Gegenstück zur Flexibilität, namentlich im Risiko, ohne Unterlass zu arbeiten. Noch immer bin ich nicht gut darin, abzuschalten und Nein zu sagen. Immer und überall kann sich plötzlich das Gefühl einschleichen, dass man ja eigentlich noch etwas tun müsste, und nie gibt es längere Phasen, in denen ich wirklich gar nicht arbeite.
Siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell eine dauerhafte Perspektive?
Für mich gibt es keine Alternative mehr zur Selbständigkeit. Ganz sicher handelt es sich dabei aber nicht um den einzigen Weg, in dem rechtsanwaltliche Tätigkeit ausgeübt werden kann. Keines der obigen Modelle ist aus meiner Sicht per se gut oder schlecht. Am Ende sollte es darauf ankommen, in welcher Konstellation eine Person ihre individuellen Fähigkeiten am besten ausüben kann.
Erfährst Du auch negative Kommentare aus Deinem beruflichen oder privaten Umfeld?
Es bleibt nicht aus, dass sehr arbeitsreiche Phasen im privaten Umfeld auch kritisch betrachtet und kommentiert werden. Nahezu immer ist die Beobachtung dann auch richtig.
Was würdest Du Dir generell für die Entwicklung verschiedener Arbeitsmodelle wünschen?
Ein Voranschreiten der Individualisierung von Arbeitsmodellen. Kaum ein anderes Berufsfeld ist dafür so geeignet wie die Anwaltschaft. Starre Strukturen sind hier aus meiner Sicht allein Ausdruck überkommener Denkmodelle. Die Aufgabe der Zukunft ist es, Flexibilität und Austausch unter einen Hut zu bringen.
Isabelle Puhl (Jg. 2004)
Counsel bei Dentons
Teilzeit, Vier-Tage-Woche und 50 % Homeoffice
Befindest Du Dich in einem der folgenden Modelle und wenn ja, in welchem? Wie ist es dazu gekommen und welche Vorteile liegen für Dich in dem Modell?
Vorwiegend aufgrund der Familie und etwas weiteren Anfahrtswegen ins Büro. Ermöglicht sehr viel mehr Flexibilität und Vereinbarkeit.
Warst Du im bisher konventionellen Arbeitsmodell unzufrieden?
Nicht unbedingt. Es hat sich eher durch die Kinder und parallel Corona so ergeben.
Hast Du das Gefühl, dass Dein jetziges Arbeitsmodell Dir eine tatsächliche Erleichterung bezüglich der Arbeitslast verschafft?
Die Arbeitslast ist gleich. Das lässt sich bei Anwälten ja auch gut anhand der abrechenbaren Stunden ablesen. Eher muss man lernen, sich von der Arbeit abzugrenzen.
Welche Vorteile sieht Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell?
Weniger Pendelei, man hat mehr von dem schönen Zuhause. Zeit für Sport oder einen Mittagsschlaf. Bezüglich Teilzeit kann ich mir aktuell nicht vorstellen, wieder in Vollzeit zu gehen, da es bei einer 50-h-plus-Woche sonst wirklich nur noch sehr wenig anderes gibt, was man mit seinem Leben anfängt. Insofern halte ich das Modell für sehr nachhaltig.
Siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell eine dauerhafte Perspektive?
Es funktioniert nur bei motivierten Leuten und ich würde es für den Berufseinstieg nicht empfehlen.
Gibt es noch ein anderes Arbeitsmodell, das Dich besonders reizt?
Ich fände Desk-Sharing auch in Großkanzleien völlig okay, weil die Hälfte der Büros leer stehen und die Kosten enorm sind.
Hubertus Reinbach (Jahrgang 2008)
Principal Associate bei Freshfields Bruckhaus Deringer – 80 % Teilzeit, Homeoffice
Warst Du im bisher konventionellen Arbeitsmodell unzufrieden?
Ich war nicht unzufrieden und würde zum Berufseinstieg immer wieder die Wahl treffen, in Vollzeit zu arbeiten, da ich dadurch eine schnellere Lernkurve hatte. Seit der Geburt unserer Tochter im letzten Jahr habe ich aber bewusst die Entscheidung getroffen, die Arbeitszeit um 20 % zu reduzieren, um mehr Zeit für meine Familie zu haben.
Siehst Du in Deinem aktuellen Arbeitsmodell eine dauerhafte Perspektive?
Ich kann mir auch vorstellen, die Arbeitszeit wieder auf 100 % anzuheben. Derzeit passt das Modell für mich aber sehr gut. Im Übrigen sehe ich keines der Modelle pauschal kritisch. Das Modell muss zum Job und der Lebenssituation passen und beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sollten die gewisse Flexibilität mitbringen, das passende Modell zu finden.
Welche Möglichkeiten bietet Dir Dein Arbeitgeber bezüglich verschiedener Arbeitsmodelle?
Freshfields bietet neben den gesetzlichen Möglichkeiten der Teilzeit auch weitere Möglichkeiten, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Zudem besteht keine vorgegebene Anwesenheitspflicht im Büro.
Was würdest Du Dir generell für die Entwicklung verschiedener Arbeitsmodelle wünschen?
Wichtig ist, dass die Modelle nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch tatsächlich akzeptiert werden. Auf der anderen Seite muss man meines Erachtens auch Verständnis für die Bedürfnisse der Mandanten und des Arbeitgebers mitbringen, damit ein Modell langfristig funktioniert.

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