Hallo, die Mikrowellen sind dreckig

20 Jahre SV-Arbeit zwischen Studierendenalltag und Hochschulreformen


von Lale Meyer (Jg. 2012)


In Raum 0.39, der seit Ende 2017 Henning-Voscherau-Raum heißt, treffen sich seit Gründung der Hochschule jeden Dienstagnachmittag die Studierendenvertretung (SV) und die Hochschulleitung zur sogenannten „Dienstagsrunde“. Die Gruppe sitzt um den großen, runden Tisch in der Mitte des Raumes. Die Stimmung ist gelöst. Manchmal müssen noch Stühle aus anderen Räumen herbeigeschafft werden, damit alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer Platz finden. Die Generalsekretärin / der Generalsekretär eröffnet die Gesprächsrunde und stellt kurz die Tagesordnung vor. Dann wird ungefähr eine Stunde lang über die Belange der Studierenden gesprochen. „Der regelmäßige Dialog über die studentischen Belange zwischen der Hochschulleitung und der SV ist schon etwas Besonderes bei uns an der Law School“, sagt Rebecca Schlottmann (Jahrgang 2015 und Generalsekretärin im Jahr 2018).


Die SV an der Law School ist fraglos eine wichtige Institution  schon weil sonst jemand anderes für die Glühweinparty einkaufen müsste."

Lennart Buchholz (JG 2013), Generalsekretär 2016


Das Themenspektrum der Dienstagsrunde ist vielfältig und reicht von eher banalen Themen bis hin zu großen strategischen Fragen der Hochschulentwicklung, wie zuletzt dem geplanten Neubau auf dem Campus, den Digitalisierungsbestrebungen von Verwaltung und Lehre und der (Neu-) Ausrichtung des Bewerbermarketings. Einige Themen finden sich mit einer vorhersehbaren Regelmäßigkeit auf der Agenda.

Dazu gehören etwa Beschwerden über die Temperaturregulierung der Bibliothek, die Preissteigerungen und Kapazitäten der Mensa (Stichwort: Physiker), die Nutzung von Gemeinschaftseinrichtungen der Studierenden, wie Duschräume und Mikrowellen und – schon vor Corona-Zeiten – die alljährliche Forderung der Studierenden nach Desinfektionsmitteln in den Toilettenräumen. Ein weiterer Dauerbrenner auf der Agenda war viele Jahre die eher mäßig stabile WLAN-Infrastruktur auf dem Campus, die die Studierenden – gerade während der Hausarbeitenphase – oft in den Wahnsinn trieb. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert und wöchentliche Diskussionen zu diesem Thema gehören der Vergangenheit an.


„SV bedeutet für mich hinter die Fassade unserer Hochschule und Ausbildung zu schauen und ganz nebenbei im positiven Sinne Lobbyarbeit für die eigene Sache zu erlernen: Vor dem akademischen Senat einschließlich Professorium den eigenen Standpunkt gegen Widerstand zu behaupten, war die beste Vorbereitung aufs (echte) Leben."

Jonathan Schramm (JG 2014), Generalsekretär 2017


Seit März [2020] findet die Dienstagsrunde nur noch digital statt. Meist ist Corona das bestimmende Thema. „Es ist etwas schade, dass andere Themen, die wir in dieser Amtszeit nach vorne bringen wollten, angesichts der vielen und drängenden Fragen im Zusammenhang mit der Pandemie so in den Hintergrund rücken“, sagt Valentin Tribula (Jahrgang 2017, Generalsekretär im Jahr 2020). „Aber natürlich ist das angesichts der Lage auch verständlich.“

Das SV-Büro: Entrümpelt und mit besonderem Möbel

Ein Stockwerk weiter unten, in Raum U.37a, hat die SV seit 2015 ihr Büro. Hier steht auch das schwere, dunkelblaue Sofa der ehemaligen Präsidentin Professorin Doris König, das dem Raum eine gewisse Bedeutsamkeit verleiht. Über die Jahre ist der Raum mehr und mehr zu einer Lagerstelle für Überbleibsel vergangener SV-Veranstaltungen und für persönliche Gegenstände amtierender und früherer SV-Mitglieder geworden. Die SV 2020 hat daher in den vergangenen Monaten das gesamte Büro auf den Kopf gestellt, die Wände neu gestrichen und die Schränke entrümpelt. Mittlerweile erinnert das Zimmer deutlich weniger an einen der verwaisten Doktorandinnen- und Doktoranden-Plätze in der Bibliothek und mehr an ein richtiges Büro.


„Ich bin hoffentlich die einzige Generalsekretärin, die damals in der Dienstagsrunde erklären sollte, wieso nach einer der ausschweifenden Karnevalsparties in der Südlounge diverse Schindeln vom Dach gefallen waren."

Lena Färber (JG 2005), Generalsekretärin 2008 und 2009


In normalen Zeiten trifft sich die SV in diesem Büro einmal wöchentlich zur Vorbereitung der Dienstagsrunde sowie der Senats- und Kommissionssitzungen. Daneben dient der Raum auch als Ausgangspunkt zahlreicher weiterer SV-Aktivitäten, etwa der Organisation unterschiedlicher Campus-Veranstaltungen, wie der Glühweinparty und dem Bewerberbier, und der Besprechung eigener SV-Projekte. Daneben wird der Raum auch das ein oder andere Mal für eine kurze Beerpong-Runde, einen spontan von älteren SV-Mitgliedern gegebenen Jura-Crashkurs vor der anstehenden Klausurenphase oder ein gemeinsames Kekse-Essen in der Vorweihnachtszeit genutzt. Hätte der Raum ein Fenster zum Campus, so würde er dem Büro von Professor Karsten Schmidt bei Nacht ernsthafte Konkurrenz machen. Denn auch hier unten im Keller brennt bis spätabends Licht.


„Ein gutes Bindeglied und Ansprechpartnerin zu sein, war mir während meiner SV-Zeit eine Herzensangelegenheit. Zum Glück ist SV-Arbeit beides: sowohl zufällige Begegnungen auf dem Flur, Gespräche in der CL, Diskussionen im SV-Raum als auch Gremiensitzungen, VV und ausführliche Umfragen unter den Studierenden."

Liv Heiser (JG 2016), Generalsekretärin 2019


Die SV besteht aus jeweils zwei Jahrgangsvertreterinnen und -vertretern, einer Schatzmeisterin / einem Schatzmeister und einer Generalsekretärin / einem Generalsekretär. Während die SV als Gremium schon seit Gründung der Hochschule existiert – damals tagten die Studierenden noch in der Unteren Studentenlounge – taucht der Posten der Generalsekretärin / des Generalsekretärs im Jahre 2008 das erste Mal in den Protokollen auf. Lena Färber (Jahrgang 2005 und Generalsekretärin in den Jahren 2008 und 2009) erinnert sich: „Ursprünglich hieß der Posten nur „Sekretärin / Sekretär der SV“. Aber da kam ich mir beim Auftreten gegenüber den anderen Unis etwas blöd vor, deshalb haben wir den Posten kurzerhand „Generalsekretärin / Generalsekretär“ genannt, um dem Ganzen ein bisschen mehr Gewicht zu verleihen. Das Amt gab es aber von Anfang an.“


„Die Studserendenvertretung ist Interessenvertretung im besten Sinne: Kommunikationszentrale, Kummerkasten aber auch Reformmotor!

Ruben Rehr (JG 2010), Generalsekretär 2013


„Mit der SV haben wir uns immer wieder für Reformen eingesetzt, die die bestmögliche Lehre bei uns an der Hochschule zum Ziel hatten."

Michael Peter (JG 2011), Generalsekretär 2014


Mit der Zeit sind die organisatorischen Aufgaben der Generalsekretärin / des Generalsekretärs, wie etwa das Anfertigen der Protokolle sämtlicher Sitzungen des Gremiums, immer mehr in den Hintergrund gerückt. Heute ist die Generalsekretärin / der Generalsekretär erste Ansprechpartnerin / erster Ansprechpartner gegenüber den Professorinnen und Professoren, der Hochschulleitung und der Verwaltung, sie / er begrüßt die Studierenden im Rahmen des Propädeutikums und hält die Rede auf der akademischen Feier. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich die SV mit der Zeit zu einem immer wichtigeren Stakeholder innerhalb der Hochschulgemeinschaft entwickelt hat. „Ein ganz erheblicher Teil der akademischen und nichtakademischen Reformen, die nach Gründung angestoßen wurden, haben ihren Ursprung in der Studierendenschaft“, erzählt Michael Peter (Jahrgang 2011 und Generalsekretär im Jahr 2014). „Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die SV rein formell gar keinen so starken Einfluss in den Gremien der Hochschule hat.“ So wurde unter Beteiligung der SV in den letzten Jahren, unter anderem, die Möglichkeit des Vorziehens von Hausarbeiten geschaffen, die Probeklausuren mit Wertungsmöglichkeiten und eine Lernwochenpause („Propädeutikum II“) im ersten Trimester eingeführt, ein Napping Room eingerichtet und das Konzept für das EVP I und II immer wieder in kleinen Schritten an das sich ändernde Lernverhalten der Studierenden angepasst. „Bei einigen hochschulpolitisch kontroversen Themen hatten wir mit dem Alumni-Verein einen starken Partner an der Seite, der uns unterstützt hat“, erinnert sich Benedikt Straubinger (Jahrgang 2007 und Generalsekretär im Jahr 2011).


„Die Arbeit in der AG zur Verbesserung des EVP II ist für mich ein tolles Beispiel für eine gute Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen der Law School, aber auch für eine jahresübergreifende Kooperation der SV."

Rebecca Schlottmann (JG 2015), Generalsekretärin 2018


„Ein großer Vorteil gegenüber großen, staatlichen Unis sind die höhere Kompromissbereitschaft, bedingt durch ein größeres Verständnis für die Position des anderen, und die auch mal informelle Kommunikationspolitik“, ergänzt Ruben Rehr (Jahrgang 2010 und Generalsekretär im Jahr 2013). Ein Baustein dieses informellen Austausches ist das „BmW“, ein ursprünglich unter dem Namen „Bier mit Wenzler“ ins Leben gerufene Flammkuchen-Essen und Biertrinken mit der Hochschulleitung im Thämers, das nach dem Wechsel des Geschäftsführers problemlos als „Bier mit Weizmann“ fortgeführt wurde und sich anhaltend großer Beliebtheit erfreut.

Frustrationspotenzial und Sorgenkind EVP II

Manchmal kann die hochschulpolitische Arbeit aber auch frustrierend sein. Insbesondere dann, wenn mit viel Elan und unter erheblichem zeitlichen Aufwand Konzepte entwickelt wurden, die dann auf der Zielgraden scheiterten. Dies gilt etwa für die Einführung der Supervisions, eine Wiederholung und Vertiefung des Pflichtstoffs in Minigruppen mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin / einem wissenschaftlichen Mitarbeiter, oder die im Jahre 2014 von der damaligen SV angestrebte Reform des öffentlichen Rechts, die eine Umstellung des Lehrplans in den ersten Trimestern zum Ziel hatte. „Manchmal fehlt den anderen Akteuren insoweit auch ein wenig das Bewusstsein dafür, dass die SV-Mitglieder nebenbei noch Vollzeit Jura studieren. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bemerkenswert, wie viel Zeit und Energie die SVlerinnen und SVler teilweise in die Projekte investieren“, bemerkt Jonathan Schramm (Jahrgang 2014 und Generalsekretär im Jahr 2017). Als „Sorgenkind“-Projekt der SV galt lange Zeit die Reform des EVP II, das von den Studierenden über die Jahre immer weniger besucht wurde, bei dem aber lange Zeit kein echter Reformwille erkennbar war. „Insoweit sind wir sehr froh, dass wir nun endlich in Rebeccas und anschließend in meiner Amtszeit – nach so langer Zeit und der Vorarbeit vieler ehemaliger SVlerinnen und SVler – eine richtige EVP II Reform angestoßen haben und im Dezember 2019 auch erfolgreich zu Ende bringen konnten“, sagt Liv Heiser (Jahrgang 2016 und Generalsekretärin im Jahr 2019), die gemeinsam mit Rebecca für die Einsetzung einer Arbeitsgruppe des Senats zum Thema EVP II-Reform gekämpft hat.


„Das Potential unserer Hochschule nutzen, um das Leben aller Studierenden zu verbessern  erst recht unter Corona-Bedingungen."

Valentin Tribula (JG 2017), Generalsekretär 2020


„Lieber gemeinsam als gegeneinander – das habe ich aus meiner SV-Zeit gelernt."

Benedikt Straubinger (JG 2008), Generalsekretär 2011


„Viel von dem, was man in der SV anstößt, geschieht aus Altruismus“, sagt Lukas Zöllner (Jahrgang 2009 und Generalsekretär im Jahr 2012), „denn da die Entscheidungsprozesse in der Hochschule meist einige Zeit brauchen, profitiert man selbst selten von angestoßenen Projekten. Man macht es für die Studierenden jüngerer Jahrgänge.“ Wenn die Generalsekretärinnen und Generalsekretäre zurückblicken, haben sie aus der Zeit in der Studierendenschaft und insbesondere aus der Tätigkeit als Generalsekretärin / Generalsekretär aber doch viel mitgenommen. „Ich habe in der Zeit gelernt, mich gut zu organisieren und alles gut vor- und nachzubereiten. Und ich habe ein Gefühl für größere Gruppen entwickelt und meine Frustrationstoleranz erhöht“, fasst es Lena zusammen.


„Auch wenn die SV manchmal handfeste Konflikte auszufechten hat – alle Beteiligten eint, dass sie die Law School ein bisschen besser machen wollen."

Lukas Zöllner (JG 2009), Generalsekretär 2012



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