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Ausgewählt in Hausschuhen

Wie war das Bewerbungsverfahren für den Jahrgang 2020 in Zeiten der Pandemie? Von Hunde-Sitting über W-LAN-Regeln bis hin zum Umgang mit dem „worst case“


von Christoph Fuchs (Jg. 2010)


Navid Sattorov hat alles gegeben, um dem Internet so nah wie möglich zu sein. Direkt neben den Router hat er sich und seinen Rechner im Haus der Großeltern in Köln platziert. Wenn etwas nicht passieren sollte, am Tag des mündlichen Auswahlverfahrens, dann eine stockende Verbindung zu den Prüferinnen und Prüfern am anderen Ende der Leitung.

Nicht nur Vorlesungen und Kleingruppen hat die Pandemie im zurückliegenden Jahr in den virtuellen Raum gezwungen – sondern auch den Moment, der bislang stets der Erstkontakt von Campus, Professorium, Alumni und Alumnae zum möglichen Campus-Zuwachs war: das Bewerbungsverfahren. Anstatt sich aufzumachen nach Hamburg, saß Navid Anfang Juli neben dem Router. Und mit ihm alle anderen Bewerberinnen und Bewerber für den neuen Jahrgang 2020, die den schriftlichen Auswahltest einige Tage zuvor, ebenfalls am heimischen Rechner, überstanden hatten.

Ganze Familie offline, Hund zu den Nachbarn

Ein solches Auswahlverfahren aus dem Home Office hat die klassischen Problemlagen für Bewerberinnen und Bewerber vom verspäteten Zug über die Unterkunftssuche bis hin zur Navigation auf dem Campus entfallen lassen. Und gleichzeitig ganz neue geschaffen: „Meine Großmutter hat einen Hund namens Lucy“, erzählt Navid, „und Lucy bellt immer, wenn jemand vorbeikommt, das kann zwei, drei Minuten am Stück sein. Das hätte man auf jeden Fall gehört.“ Navids Lösung: „Ich habe die Nachbarin angerufen und die hat den Hund dann für den ganzen Tag mitgenommen.“


Screenshot aus dem Auswahlverfahren von Navid Sattorov (Jg. 2020) mit Ruben Rehr (Prüfer). Navid stammt aus einer deutsch-tadschikischen Familie. Er ist 19 Jahre alt. Sein Abitur machte er 2019 in Kyjiw. In seiner Freizeit fotografiert er und spielt Schlagzeug in der Bucerius Big Band.


Auch Emma Schimmel, die sich aus ihrem Zimmer in Braunschweig um einen Studienplatz bewarb, hatte zuvor Ruhe-Maßnahmen getroffen: „Ich habe mein Zimmer abgeschlossen, denn ich habe noch zwei Schwestern. Das wäre mir peinlich gewesen, wenn jemand plötzlich reingekommen wäre.“ Damit die beiden Prüfungsgespräche und der Thesenvortrag, alle jeweils 30 Minuten lang, reibungslos ablaufen, hat Emma der Familie noch mehr abverlangt: „Ich habe vorher gesagt: Könnt ihr bitte in der Zeit nicht im WLAN sein. Manchmal, wenn wir alle fünf im Internet sind, ist das WLAN ein bisschen langsamer.“ Eine ganze Familie offline.

„Unterm Strich ein Vorteil“ – aber auch

ein Manko

Wenn das Internet läuft, hat die Zoom-Variante des Auswahl­verfahrens aus Emmas Sicht Vorteile: „Ich glaube, ich war ein bisschen weniger nervös. Ich lasse mich schneller stressen, wenn mir mehrere Leute gegenüber sitzen. Außerdem sieht das Gegenüber bei Zoom nicht, wie viel man zappelt. Insofern war es angenehm.“ Emmas Wohlfühlatmosphäre vervollständigt haben die Hausschuhe unterm Tisch.

Der Einblick ins Campus-Leben, den das Auswahl­verfahren in den Vorjahren stets mit sich gebracht hat, fehlte ihr aber: „Wie die Atmosphäre ist und banale Sachen, wie zum Beispiel die Mensa aussieht, konnte ich mir gar nicht vorstellen.“ Navid sieht es so: „Unterm Strich war es ein Vorteil, würde ich sagen. Ich war zuhause, habe mich sicher gefühlt. In einer fremden Stadt mit fremden Leuten in einem fremden Raum wäre das anders gewesen. Das hat mir ein gewisses Sicherheitsgefühl gegeben.“

„Bin komplett aus dem Call geflogen“

Einen Schock-Moment hielt der Auswahltag kurz vor Schluss trotzdem für ihn bereit. Als Navid seinen Thesenvortrag zum Thema „Positive Diskriminierung im Bewerbungsverfahren an US-amerikanischen Unis“ gehalten hatte, wären eigentlich die Prüfer an der Reihe gewesen, ihm dazu Fragen zu stellen. „Und dann ist die Verbindung abgebrochen“, sagt Navid. Und das, trotz Routern he, so richtig: „Es ist nicht nur das Bild eingefroren, ich war komplett raus aus dem Call. Ich bin ziemlich in Panik geraten und dachte, ich komme gar nicht mehr rein.“


Screenshot aus dem Auswahlverfahren von Emma Schimmel (Jg. 2020) mit Ruben Rehr (Prüfer). Sie kommt aus Braunschweig und ist 20 Jahre alt. In ihrer Freizeit macht sie gerne Sport oder kocht.


Fünf Minuten später klappte es wieder halbwegs, aber so ganz floss das Internet auch dann nicht mehr: „Ich konnte die Fragen kaum verstehen. Es war mehr ein Erraten, was die Frage hätte sein können. Und darauf habe ich dann Antworten improvisiert.“ Ob ihm das gelungen ist, wusste Navid erst einmal auch nicht: „Das Bild war so schlecht, dass ich nur schwer einschätzen konnte, wie die Reaktion im Gesicht der Prüfer war.“

Am Ende haben Navid und Emma ihre Prüferinnen und Prüfer überzeugt. Seit September gehören beide zum Jahrgang 2020.



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